(3_Or)
Und das Ende und der Anfang
Zwei Schlaufen desselben Knotens
Kobaltblau, jede Faser tief gefärbt
Bis ins Mark aus Geisterbäumen…
/execute/
Vorwort
Wer interessiert sich noch für Bands, hat er gesagt. Was für eine eigenartige Frage, habe ich geantwortet. Immerhin kommen Menschen seit Jahrtausenden zusammen, um miteinander Musik zu machen. Zugegeben, sind das alles “Bands” gewesen, so wie wir das Wort heute verstehen? Sicher nicht. Bands sind nicht einfach ein paar Leute auf der gleichen Bühne, im gleichen Keller. Jeder kann auf einer Bühne stehen. Das reicht nicht. Aber was ist es dann genau, was die größten und bekanntesten Bands ausmacht? Wir scheinen es zu wissen, ohne je genau darüber nachzudenken. Jedenfalls ging mir das so, als mich mein guter Freund JaQue danach fragte.
Jetzt habe ich es geschrieben, das Buch über meine persönliche Liste der wichtigsten Bands aller Zeiten. Eine TOP100, wie sie subjektiver nicht sein könnte. Und das ist Absicht, JaQue! Das ist meine Antwort, hörst du? Drei Jahre und unzählige Stunden der Recherche später, weiß ich, was es ist, das ich damals an der Bar nicht erklären konnte.
Es sind die Erinnerungen, die echte Bands uns hinterlassen. Sie sind ganz anders als das, was uns von Solokünstlern bleibt – von den virtuellen wie jenen aus Fleisch und Blut. Auch die haben ihre Erfolge, ihre Krisen, Abstürze und unfassbar schönen Momente. Doch sie haben sie alleine, wie Statuen in der Mitte eines Platzes, auf dem sich Fans drängeln. Wie Gemälde, die wir betrachten. Greifbar nah und doch irgendwie unter Glas, egal wie nah sie sich geben. Die Bands, mit denen wir uns verbunden fühlen, sind dagegen wie Familien oder unsere besten Freunde. Dagegen können sie gar nichts machen. Und wir auch nicht! Sie beflügeln sich gegenseitig, holen das Beste auseinander heraus. Und das Schlechteste. Sie steigen auf wie Kometen, nur um sich nicht mehr leiden zu können. Sie trennen sich, verschmelzen zu Super Groups, streiten sich hinter den Kulissen. Manche Bands bringt Liebe wieder zusammen, andere werden von ihr zerrissen. Es mag hier und da scheinen, als ginge es nur noch um das Miteinander dieser begnadeten und verrückten Künstlerinnen und Künstler…
Aber immer, immer spiegelt sich die Dynamik der großen Bands in ihrer Musik wieder. Nirgendwo hören sich Triumph, Angst, Neid oder Gift grandioser an, als wenn diese Gruppen sie zwischen sich heraufbeschwören.
Nein, die hundert besten Bands in diesem Buch sind keine objektive Auswahl. Ich werde Kriterien erwähnen, wie man das eben so macht: Streamingzahlen, Medienechos, Kritiken und Archive, das ist alles im Gepäck. Beim Schreiben dieser Liste ist mir jedoch klar geworden, dass es mein Mitfiebern ist, das Aufschauen zu den oft unberechenbaren Kapriolen ihrer Kreativität, das die 100 Bands in diesem Countdown vereint.
Viele Namen in diesem Buch werden nicht überraschen. Ihre Platzierung vielleicht aber doch. Mit Sicherheit sind auch Bands dabei, die viele Lesende noch nie gehört haben. Wir werden tief in die Geschichte der großen Epochen einsteigen, bis vor den 1st Breakwater, und durch das Amp Valley. Genregrenzen kann so ein Unterfangen nicht gebrauchen, das schicke ich voraus. Von Swell bis Orbital ist alles dabei. Wer dabei nur etwas Schmökern möchte, braucht keine Angst vor Fachsimpelei zu haben. Aber wenn du glaubst, du kennst deine 7 Kämme des VRock in- und auswändig, dann ist auch für dich noch die ein oder andere Überraschung dabei! (Es gibt nämlich 8 Kämme…)
Viel Spaß!
Shoreh
100-91: Die Schattenpflanzen
Undankbar, so am Ende zu stehen? Nur dann, wenn du eine Liste wie eine Leiter verstehst. Ich persönlich sehe hier keine Sprossen, die es auf- oder abzusteigen gilt. Ich könnte auch nicht den Unterschied zwischen, sagen wir, Platz 47 und 97 einzeln erklären. Dafür ist eine TOP100 einfach zu lang. Ich wäre wahnsinnig geworden, wenn ich ernsthaft 100 Bands gegeneinander aufgestellt hätte. Stattdessen habe ich Pakete geschnürt, immer zehn Bands auf einmal. So ist es erheblich einfacher, sie in gedankliche Kategorien zu stecken und dann innerhalb dieser vielen kleinen TOP10s nach einer gewissen Ordnung zu suchen. Jede einzelne hat ihr Motto, ihre kleine Beobachtung.
Und so haben für mich die Plätze 100 bis 91 dies gemeinsam: Sie müssen die Bürde nicht tragen, sich gegen Dutzende anderer toller Bands verteidigen zu müssen, die vielleicht genauso ihren Platz unter den 100 Besten verdient hätten. Ich bin mir ziemlich sicher, dass kaum jemand ernsthaft bestreiten wird, dass meine TOP20, zu denen wir später kommen, zumindest irgendwo in die Gesamtliste gehören. Bei den zehn Bands, mit denen ich hier in die Liste starte, ist das vielleicht weniger eindeutig. Deshalb habe ich mir den Einstieg leicht gemacht. Jede Band in den 90er-Plätzen ist eine, vor der ich Angst habe, dass sie vergessen wird. Weil sie mir und vielen Anderen an einem Punkt im Leben unvergessliche Momente geschenkt haben. Weil es erfolgreichere Bands gibt, die diese hier in den Schatten stellen. Und weil mir das nicht gefällt! Weil sie Rampenlicht brauchen. Los geht’s!
100 : Pyre on the Hay
Giles und Benisha aus Bristol konnten nie den überwältigenden Erfolg feiern, den sie verdient gehabt hätten. Aber wie so viele ihrer Fans haben die Beiden auch mich mit dem überwältigt, was sie über vier Alben aus ihren Mündern spuckten. Ein Sturm aus Haltung, zu gleichen Teilen versiert und dreckig in die Mikros gerappt. Vor diesem Duo, das sich in der Schule zum ersten Mal über den Weg lief und zusammen Gedichte in den Pausen schrieb, gab es das Konzept von “Paar-Rap” nicht. Sicher, Genregrößen haben sich schon immer Gäste auf ihre Tracks geholt, mal für ein bisschen Gemurmel im Hintergrund, mal in regelrechten Wortgefechten. Pyre on the Hay waren anders, und geheimnisvoll. Keine Gäste, nur die beiden.
Solange es die Band gab, äußerten sie sich nie über ihre Beziehung. Geschwister? Verliebte? Freunde? Wenn es nicht so ein zweischneidiges Schwert wäre, hätte ich Giles und Benisha mehr Klatschpresse gewünscht. So wären vielleicht mehr Menschen in den Genuss dieser grandiosen Hymnen gekommen, für die ich Pyre diese Liste eröffnen lasse. Ganz nebenbei zeigt das eine offensichtliche Regel auf: Es muss mindestens zwei Beteiligte geben, damit sie hier als Band gelistet werden können. Pyre klangen oft wie ein ganzer Straßenzug. Mehr als einen minimalen Beat gaben sie ihren Stücken nie mit. Die knisternde Spannung, die aus jedem Album sprüht, kommt aus den abwechselnden Raps. Über Depression, Polizeigewalt, über Konsumsucht und hohle Idole – keine Angst vorm Zündeln, selbst wenn sie einen Flächenbrand auslösten. Pyre on the Hay wurden ihrem Namen immer gerecht, vor allem live. Kluge Veranstaltungsorte entfernten vorsorglich alles, was kaputtgehen konnte, wenn Pyre das Publikum anheizten. Ihre besondere Spezialität: Sie wechselten beliebig ihre Parts. Sowohl die Texte, als auch die Attitüde betreffend. Als ich zum ersten Mal “Stilts” hörte, dachte ich, dass Benisha die Melodien in diesem Duo singen würde, während Giles für die schnellen Raps zuständig sei. Und dann machten sie es einfach umgekehrt auf dem nächsten Song. Ich sage nur “Don’t you look away!”, auf dem Giles’ samtweicher Bariton alle paar Sekunden erbarmungslos von Benishas Wortsalven zersägt wird. Dann wieder ließen es beide gerne auch gemeinsam entspannter angehen, bis hin zu meditativen Klängen. Für Viele war das alles zu eklektisch, zu unberechenbar. Nicht, dass Pyre das irgendwie gejuckt hätte. Sie hatten ihre Botschaften, ihre kurzen Jahre als Geheimtipp. Mich haben sie berührt, und deshalb sind sie das Tor zu den anderen 99 Bands.
99: Standard and Fools
Der Name ist wahrscheinlich der einzige Witz, den sich das verkopfte Quintett je öffentlich erlaubt hat. Das ist übrigens ein Zitat, das mit dem “verkopft”: Keyboarder Bas Ridden hat die elektronische Musik von Standard and Fools durchaus gerne so beschrieben. Sperrigkeit aus Prinzip! Der Name ist ein Wortspiel auf eine uralte Finanzagentur. Wer darauf gekommen ist, weiß keiner der Fünf mehr. Nur, dass sie Teenager waren, etwas gelesen hatten und über den Namen lachten mussten. Vielleicht haben sie sich da als Band zum letzten Mal nicht ganz ernst genommen.
Standard and Fools hassten jeden Anflug von Mainstream und Erfolg. Wo Pyre einfach keinen hatten, vermieden die Elektro-Frickeler von Standard and Fools ihn konsequent. Stattdessen konzentrierten sie sich auf ihr ungewöhnliches Setup: Drei Pianisten, die alles spielten, was Tasten hatte und moduliert werden konnte, ein DJ und natürlich der legendäre Zeke an seinem Theremin. Videoaufnahmen der Fünf sind heute kaum noch zu finden, zumindest keine guten. Zeke am Theremin kann ich nicht besser beschreiben als so: Stell dir einen wippenden Blumenkohl vor, feuerrot. So schüttelte Zeke seinen spindeldürren Körper im Takt, während die Hände wie beschworen durch die Luft über dem Instrument glitten. So entlockte er dem Theremin seine typischen, sphärischen Klänge.
In jeder anderen Band wäre Zeke der Star gewesen. Bei Standard und Fools war er nur einer von Fünf, im besten Sinn. Er, Bas, Fenn, Jasper und Kraid waren jeder für sich Virtuosen. Nach den drei Bandtrennungen und Wiedervereinigungen kann man ihnen vielleicht nicht unterstellen, sich immer gemocht zu haben, aber musikalisch respektierten sie sich alle gegenseitig. Anders können sie ihre teilweise 15 Minuten langen Klangteppiche nicht verwebt haben. Dabei jonglierten sie so sehr mit gleichzeitig gespielten, unterschiedlichen Taktarten, dass es mir jedesmal wie ein Wunder scheint, wenn sich die einzelnen Partien plötzlich harmonisch treffen, wo minutenlang nur Chaos zu herrschen schien.
Seelenlos haben manche Kritiker das zu Standard and Fools’ Zeiten genannt, mehr Mathematik als Musik. Ich verstehe das. Und es kommt selten vor, dass ich ein ganzes Album der Fünf am Stück hören kann. Sport für die Ohren! Rein nach den musikalischen Fähigkeiten gehören Standard und Fools jedoch zweifellos zu den vier, fünf begnadetsten auf dieser Liste. Nicht, dass ich das als Kriterium entscheidend finde. Es ist vielmehr der Gegensatz zur Anekdote des Bandnamens. Ich stelle mir bei jedem hochpolierten Kunstwerk eines Songs von Standard and Fools vor, wie ein paar Jungs lachend über ihrem Sofa hocken, weil sie ihren Namen urkomisch finden.
98: Mint Smart
Der Gentleman des Pop darf auf dieser Liste nicht fehlen. Und er bildet natürlich eine Ausnahme, so wie er es Zeit seines Lebens immer haben wollte: Mint ist der einzige Solokünstler unter den 100 Bands. Ich glaube, das hätte ihm gefallen. Meine eigenen Regeln verletze ich trotzdem nicht, denn hinter der Kunstfigur steckten drei Personen. Sie waren die Band, Mint ihre überlebensgroße Projektionsfläche. Inspiriert von den ersten Avatar-Bands vereinte Mint Smart die völlig verschiedenen Talente seiner Schöpferinnen: Den Gesang steuerte “Voice” bei, für Hologramm- und Robotertechnik sorgte “Stitch101”, während Mints legendäre Shows von “MOoOve” entworfen wurden. Eine Musikerin, eine Ingenieurin, eine Choreografin, …eine Vision.
Ich gebe es direkt zu. Würde es hier nur um die reine Musik gehen, wäre Mint Smart nicht auf der Liste gelandet. Spiegelglatte Melodien, immer gefällig, aber nie egal. Die gibt es wie Sand am Meer. Das ist nichts Schlechtes. Nein, spektakulär war das Gesamtkunstwerk Mint Smart, auf und abseits der Bühne. Er wurde über rote Teppiche geschickt und plauderte in Late Nights. Diese Auftritte sind für mich bis heute die faszinierendsten Beispiele für die Kraft, etwas unbedingt glauben zu wollen: Es war nie ein Geheimnis, dass in Mint Hydraulik steckte statt Knochen. Dass seine Antworten nicht aus seinem Mund kamen, wenn er sprach. Und doch habe ich wie Millionen andere Zuschauende das alles verdrängt, völlig unbeabsichtigt. Ich glaube, seine Schüchternheit machte den Unterschied. Ich wand mich mit ihm, wenn er auf eine Spitzfindigkeit nichts zu entgegnen hatte. Das muss man sich erstmal ausdenken, einen Avatar zu schaffen, dem Interviews unangenehm sind! Gleichzeitig war Mint eitel wie nur irgendwer. Er liebte den großen Bahnhof, und die Medien überboten sich darin, ihm den auch zu geben. Alle spielten mit. Knapp 20 Jahre lang war Mint Smart die schillernde Galionsfigur des Pop. Und nirgendwo war das deutlicher zu sehen als in seinem Bühnenprogramm.
Mint beherrschte alle Posen, alle Stile. In grellen Jacketts und Shorts rannte er vor dem Publikum hin und her. Voice gab ihm dabei ihre ruhige Alt-Stimme mit, die sie live gerne auch nach oben oder herunter in männliche Register modulierte. So bekamen auch die eher durchschnittlichen Songs immer eine einzigartige, andersweltliche Note. Ich glaube, diese stimmliche Qualität ist nie richtig gewürdigt worden. Denn wofür Mint Smart bis heute vor allem anderen berühmt ist, sind seine K-Pop-Einlagen. Normalerweise zum Ende der Show zog Stitch alle technischen Register, so dass sich Mint vor aller Augen auseinanderriss, bis sechs von ihm in eine Gruppenchoreografie einstiegen. MOoOve ließ ihn dabei nicht nur perfekte Synchronschritte machen, sondern sprengte die Grenzen des physisch Tanzbaren. Manchmal kletterte Mint als Hologramm auf die Bühnentakelage, hoch über den Köpfen der Menge. Dann rutschte er aus, fiel – und wurde von sich selbst am Boden aufgefangen. Oder er warf sich das Mikro zu, quer über die Bühne, scharf geschossen wie einen Baseball. Zum festen Ritual für Mint und seine Fans wurde es, am Ende jeder Show seine einzelnen Versionen einzufangen, zu umarmen und schließlich unter minutenlangen Störgeräuschen wieder eins zu werden.
Konzerte von Mint Smart gehörten zum Spektakulärsten, was Bands jemals entwickelt haben. Wenigstens diesseits der VR-Konzerte, aber zu denen komme ich noch ausführlich. Über zwei Jahrzehnte gelang es Voice, Stitch und MOoOve immer noch eins draufzusetzen. Dann verstarb Voice bei einem tragischen Unfall. Und ab dieser Zeit war Mint stumm. Er blieb eine öffentliche Figur, konzentrierte sich bei Gastauftritten auf das Tanzen, und schrieb seine Antworten auf Zettel. Er alterte mit seinen Schöpferinnen. Als greise Dame verstarb schließlich MOoOve, was Mint seiner Bewegungen beraubte. Stitch setzte ihn in einen Rollstuhl. Und als sie starb, trugen hunderte Fans ihr bewegungsloses Idol vor MOoOves Grab, wo sich Mint ein letztes Mal aufraffte, drei gelbe Rosen niederlegte und vor den Augen der versammelten Presse lachend in seine Einzelteile zerfiel. Es hält sich das Gerücht, die Band hätte das schon nach ihrer ersten Welttournee so vorgeplant.
97: Sugar Diamond Deal
Werden wir wieder bodenständig! Kein SDD-Song ist länger als zweieinhalb Minuten. Keiner lässt…